„Wer es einmal genießt, sollte es nicht verspielen“

Interview mit Prof. Dr. Martin Schwer zum Thema Vertrauen

Vertrauen ist wertvoll, weil es uns zufriedener und Unternehmen erfolgreicher macht. Doch in welchem Maß können wir es riskieren, uns in die Hände anderer Menschen zu begeben? Ein Gespräch mit dem Psychologieprofessor Martin Schweer.

Dr. Martin Schweer ist Professor der Psychologie und leitet das Zentrum für Vertrauensforschung an der Universität Vechta (Foto: privat)

Wie definieren Sie den Begriff Vertrauen?

Vertrauen ist die subjektive Sicherheit, sich in die Hand anderer Personen oder Institutionen begeben zu können. Der entscheidende Punkt ist, ob und inwieweit ich bereit bin, dieses Risiko einzugehen.

Der Titel eines Ihrer Bücher lautet: Vertraut Euch! Warum fordern Sie dazu auf, wenn es so riskant ist?

Weil es das Leben lebenswerter und zufriedener macht, es gibt positiven Begegnungen erst eine Chance. Außerdem ist ein Leben ohne Vertrauen gar nicht vorstellbar. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine wichtige Operation vor sich. Es wird Ihnen helfen, Ihrem Arzt zu vertrauen, denn Sie sind dann überzeugt, in guten Händen zu sein.

Ist nicht gerade in diesen Situationen Misstrauen angebracht?

Vertrauen schließt gesunden Zweifel nicht aus. Das heißt: Ich würde bei einer gravierenden OP sicherlich eine zweite Meinung einholen. Aber irgendwann muss ich einem der Mediziner vertrauen.

Wie wirkt sich Vertrauen auf unser Handeln aus?

Viele Studien zeigen, dass es die Bereitschaft fördert, sich mit anderen auseinanderzusetzen und bei Konflikten nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Wer vertraut ist bereit, Vorschüsse zu geben, beispielsweise von sich zu erzählen oder den anderen weniger zu kontrollieren.

Wie lässt sich Vertrauen aufbauen?

Das ist schwierig. Vertrauen baut sich langsam auf und dafür schnell ab. Ein singuläres Ereignis genügt. Wer es einmal genießt, sollte es nicht leichtfertig verspielen.

Welchen Wert hat Vertrauen für Unternehmen?

Es ist wertvoll, weil sich Mitarbeiter mehr engagieren und weil sie sich eher auf Veränderungen einlassen. Es ist aber nicht wertvoll im strategischen Sinne. Wer sagt, wir brauchen jetzt Vertrauen, damit sich unsere Produkte besser verkaufen, wird damit keinen langfristigen Erfolg haben. Vertrauen muss aufrichtig gelebt werden. Vertrauen darf keine Unternehmensphilosophie sein, die nur irgendwo auf der Homepage steht. Bei einem Großteil taucht das Wort ständig auf, und es steckt nicht viel dahinter.

Wie kann ein Unternehmen glaubwürdig eine Vertrauenskultur aufbauen?

Indem es genauso ehrlich ist wie in Einzelbeziehungen. Ein Unternehmen ist nichts anderes als eine Ansammlung von Menschen. Es geht darum, Mitarbeitern Chancen zur Partizipation zu geben, es geht um Transparenz, offene Kommunikation und faire Formen der Konfliktlösung. Gutes Führungsverhalten spielt eine wichtige Rolle. Vertrauen kann nur entstehen, wenn die entsprechenden Repräsentanten es glaubhaft vertreten.

Wie wäre ein Leben voller Misstrauen?

Ohne den Mechanismus Vertrauen wäre ein Leben nicht möglich. Natürlich sind manche misstrauischer als andere. Ich würde aber immer raten: Wagen Sie das Vertrauen! Sie bauen dadurch sehr viele positive Beziehungen auf – auch wenn dabei die Gefahr besteht, in Einzelfällen enttäuscht zu werden.

Der beste Freund des Vertrauens ist also…

…der Mut.


Prof. Dr. Martin Schweer

Dr. Martin Schweer ist Professor der Psychologie und leitet das Zentrum für Vertrauensforschung an der Universität Vechta.

Zentrum für Vertrauensforschung an der Universität Vechta:
www.uni-vechta.de/paedagogische-psychologie/arbeitsstellen/zentrum-fuer-vertrauensforschung-zfv/

Webseite von Professor Schweer:
schweer-info.de


Dieses Interview erschien in der direkt informiert 03/2016. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 03/2016, Schwerpunkt: Vertrauen

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