Plötzlich Programmiererin

T … wie Tatkraft

Alle sprechen von „New Work“. Doch wer rüstet die Arbeitskräfte von morgen mit den nötigen Fähigkeiten aus, um der neuen Arbeitswelt gerecht zu werden?

Sarah Hofmann (34) ist promovierte Virologin. Bisher verbrachte sie die meiste Zeit im Labor –mit Lipiden und Viren anstatt mit Algorithmen und Programmiersprachen. Heute arbeitet sie als Junior Data Scientist für ein Unternehmen, das Tests zur Krankheitsfrüherkennung entwickelt. Der Schritt aus dem Labor vor den Computer gelang ihr mithilfe des IT-Bootcamps „neue fische“ in Hamburg. In nur drei Monaten erlangte sie dort die nötigen Zusatzqualifikationen, die sie heute für ihren Job als Datenanalystin benötigt.

Die Digitalisierung wirbelt derzeit nicht nur Produktion und Vertrieb, sondern auch klassische Ausbildungswege gehörig durcheinander. In immer mehr Büros, Branchen und Behörden schleichen sich Jobprofile mit digitalen Anforderungen ein – von der Beratung über die Life Sciences bis zum Verlagswesen. Ein Blick auf diverse Stellenportale zeigt: Gefragt sind vor allem Fachkräfte, die programmieren, Daten analysieren oder agile Projekte managen können – und obendrein motiviert und kommunikationsstark sind.

Doch qualifizierte Personen scheinen zu fehlen. Unternehmen aller Branchen, Größen und Ausrichtungen klagen über qualitativ und quantitativ unzureichende Bewerbungen. Am eindrücklichsten ist der Fachkräftemangel derzeit in der IT zu sehen: 82000 offene Stellen für IT-Personal gibt es heute in Deutschland, das ist das Ergebnis der aktuellen Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte des Digitalverbands Bitkom.

Niemand weiß, welche Skills morgen relevant sind

Doch wer oder was entscheidet eigentlich darüber, ob jemand für einen Job geeignet ist oder nicht? Die meisten Unternehmen koppeln Job-Zusagen immer noch an formelle Kriterien wie Abschlüsse, Zertifikate oder vorherige Berufserfahrung. Je mehr Anforderungen Jobsuchende im Stellenprofil abhaken können, desto wahrscheinlicher ist eine Zusage. Um einen Job zu bekommen, muss man ihn eigentlich schon mal gemacht haben – so fasst es der Management-Professor Peter Cappelli von der University of Pennsylvania in seinem Buch „Why Good People Cannot Find Jobs“ zusammen. Und das, wo heute kaum abzuschätzen ist, welche Skills morgen überhaupt relevant sein werden. So schätzt das Institute for the Future (IFTF), dass 85 Prozent der Jobs, die heute Studierende 2030 ausüben werden, noch gar nicht existieren.

In Deutschland ist der Personalteich längst leergefischt.“
Dalia Das, Gründerin des Hamburger Start-ups „neue fische“

Dalia Das, Foto: neue Fische

Dalia Das, Foto: neue Fische

Wie also mit dem vermeintlichen „Skill Gap“ umgehen? Welche alternativen Ausbildungswege neben Schulen oder Universitäten gibt es vor allem für den Quereinstieg, um sich fit für „New Work“ zu machen? Und wie müssen sich Unternehmen wandeln, um sich auch für ungewöhnliche Potenziale zu öffnen?

Der Personalteich ist leergefischt

Private Anbieterunternehmen wittern im Bildungsmarkt längst ein lukratives Geschäft. Start-ups wie die private Online-Akademie Udacity bieten Weiterbildungswilligen Kurse in Informatik, Programmierung oder Mathematik. Das Karriereportal LinkedIn gründete die On-Demand-Lernplattform LinkedIn Learning: Sie besteht aus einer Bibliothek mit mehr als 2000 deutschsprachigen Schulungsvideos und 10000 internationalen Kursen. Und selbst Facebook hat schon eine Bildungsplattform mit E-Learning-Material gestartet.

Auch in Deutschland entwickeln sich einschlägige Initiativen: Dalia Das gründete 2018 in Hamburg das Start-up „neue fische“, das Quereinsteigende binnen drei Monaten zu Fachkräften für Webentwicklung und Datenanalyse ausbildet. „In Deutschland ist der Personalteich längst leergefischt“, sagt Dalia Das. „Ich habe mir gedacht: Wir können uns die existierenden Fische entweder gegenseitig abwerben – oder wir machen einfach neue Fische.“

Das digitale Gesellenstück als Abschlussprojekt

Um einen Pool von neuen digitalen Talenten zu kreieren, umwirbt Dalia Das Personen, die einen Quereinstieg planen oder ihr Studium abgebrochen haben: vor allem Studierende der Soziologie,
Anglistik oder Virologie wie Sarah Hofmann.. Nach einem aufwendigen Bewerbungsverfahren trainieren die Teilnehmer in Hamburg in kleinen Teams Programmiersprachen wie Java Script und lernen, wie man agil arbeitet.

Am Ende stellen die Teilnehmenden ein digitales Gesellenstück her – mit dem sie sich dann bei Unternehmen bewerben können. „Das Gesellenstück macht das digitale Können des Einzelnen für Techies in Fachabteilungen und für Nicht-Techies in den Personalabteilungen greifbar“, sagt Dalia Das.

Es sei viel aussagekräftiger als ein Zertifikat. Ihr Modell hat Erfolg: „90 Prozent unserer Teilnehmenden haben innerhalb von zwei Monaten nach Abschluss des Kurses einen Job gefunden“, sagt Dalia Das. So wie die Molekularbiologin Sarah: Für ihr digitales Gesellenstück bestimmte sie in einem Datensatz eines Life-Science-Unternehmens, ob eine Patientin oder ein Patient erkrankt ist oder nicht – ihre Eintrittskarte in den neuen Job.

Grundverständnis für Programmierlogik

Doch kann ein Mensch, der ein dreimonatiges Bootcamp absolviert hat, im Job tatsächlich genauso viel leisten wie jemand, der Informatik studiert hat? „Für viele Berufe in der IT muss man nicht unbedingt Informatik studiert haben“, sagt Dalia Das. Während im Informatikstudium viel Theorie gepaukt werde, bereite das Bootcamp die Teilnehmenden auf die praktischen Herausforderungen des Berufsalltags vor.

In der Hacker School können junge Menschen in Wochenend-Kursen von Profis das Programmieren lernen

In der Hacker School können junge Menschen in Wochenend-Kursen von Profis das Programmieren lernen

Andere Initiativen setzen darauf, Menschen so früh wie möglich für technische Berufe zu begeistern. Die Hacker School will junge Menschen für die IT begeistern: Im Rahmen von Wochenend-Kursen können interessierte Jugendliche von Profis coden lernen – vom Programmieren von ferngesteuerten Sphero-Robotern bis zu eigenen Inhalten für das Spiel Minecraft ist vieles möglich. Die Vision: „Jeder junge Mensch soll in seiner Bildungslaufbahn mindestens eine Zeile Code geschrieben haben.“

Die Non-Profit-Organisation Moin World hat es sich wiederum zum Ziel gesetzt, den Anteil von Frauen in Software-Entwicklung und Management zu erhöhen. Mehr Coderinnen würden auch den Fachkräftemangel mildern, heißt es dort. „Arbeitgeber sollten nicht fünfzig Prozent der Bevölkerung ausschließen“, sagt Anja Schumann, Gründerin von Moin World. Um Frauen die Tech-Welt näher zu bringen, setzt Moin World auf niederschwellige Programmierkurse, Summercamps und Meet-ups für Frauen und junge Mädchen.

Coding-Skills helfen in allen Lebensbereichen

Am Ende wird freilich nicht jede der Teilnehmerinnen zur professionellen Coderin. Entwicklerinnen würden aber davon berichten, dass sie in allen Lebensbereichen von ihrer Coding-Fähigkeit profitieren, erzählt Anja Schumann. „Wer codet, lernt, reale Probleme so zu durchdringen, dass ein Computer sie ausführen kann.“ Durch dieses sogenannte Computational Thinking lerne man, große Problemstellungen handhabbar zu machen.

Ohnehin sind für „New Work“ neben digitalen Skills auch andere Fertigkeiten gefragt, so Dalia Das: „Die viel gerühmten Soft Skills – Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit und letzten Endes auch Lernfähigkeit – werden in den Vordergrund rücken.“

 

Im Interview erzählt Dalia das, welches Potenzial Quereinsteigende in der IT-Branche bieten – und wie man sie Unternehmen schmackhaft macht.

 


Zur Website von „neue fische“: www.neuefische.de/

Zur Website von Moin World: moinworld.de/

Zur Website der Hacker School: www.hacker-school.de/


Dieser Artikel erschien in der direkt informiert 01/2019. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: blog.direkt-gruppe.de/direkt-informiert/tatkraft/

 

Diesen Artikel teilen: