Management im Wandel

Orientierung 2020

Mehr als 80 Prozent der deutschen Unternehmen beschäftigen sich mit der Digitalisierung. Produkte, Services und Prozesse verändern sich ständig. Was gibt da noch Halt?

Für Lothar Engelke ist nur eines gewiss: dass nichts sicher ist. Er ist Geschäftsführer für die IT der ERGO und durchlebt derzeit den IT-Umbruch in der Versicherungsbranche. Er und seine Kollegen ersinnen disruptive Geschäftsmodelle und digitalisieren die Kommunikation mit den Kunden. Sie erweitern bestehende IT-Strukturen, integrieren Microservices und lagern Daten, Infrastruktur und Anwendungen in die Cloud aus. Sie agieren in einem dynamischen Markt und kämpfen mit globaler Konkurrenz. „Der Wandel ist permanent“, sagt Engelke. „Niemand kann heute noch Sicherheit versprechen. Wir müssen Unsicherheit aushalten und offen damit umgehen.“

Lothar Engelke, Geschäftsführer der ITERGO (Foto: ITERGO)

Nicht nur die Versicherungsbranche erlebt einen Umbruch. Eine Studie der Wiesbaden Business School ergab: Mehr als 80 Prozent der deutschen Unternehmen beschäftigen sich momentan mit dem Thema Digitalisierung. „Wer am Markt bestehen will, muss sich dem digitalen Wandel unterziehen“, sagt Ingrid Schirmer, Professorin für Informatik an der Universität Hamburg. In Unternehmen, die mit der Digitalisierung voranschreiten, verändern sich die Produktions- und Geschäftsprozesse, die IT-Landschaften, die Kommunikation, die Geschäftsmodelle, Services und Produkte. „Wir vernetzen uns immer komplexer, werten immer mehr Daten immer schneller aus und müssen immer rascher reagieren, wir kommunizieren ganz selbstverständlich digital.

Wir erleben die Entgrenzung von Arbeit und eine völlig neue Dimension von Beschleunigung.“ In dieser unsteten Arbeitswelt ist eines besonders gefragt: Orientierung. Wer kann sie geben? Und wie? Lothar Engelke als Geschäftsführer einer IT-Organisation mit 2 000 Menschen und Ingrid Schirmer als Professorin an einer der größten Universitäten Deutschlands beschäftigen sich täglich mit der digitalen Transformation: Der eine gestaltet sie, die andere erforscht sie. direkt informiert hat bei beiden nachgefragt – und einiges erfahren über Marker, die uns heute Orientierung geben:

I. Der Kunde zuerst

Für Ingrid Schirmer gilt: der Kunde zuerst. Die Professorin erforscht unter diesem Aspekt digitale Transformationen in Ökosystemen. Warum scheiterte das eRezept im Gesundheitswesen? Wann sind disruptive Geschäftsmodelle, wie die der FinTechs im Bankwesen, erfolgreich? „Die digitale Transformation bringt extremen Marktdruck mit sich. Sie muss aber ein menschliches Antlitz behalten und sich zuerst am Kunden orientieren“, sagt Schirmer. Dazu gehöre, bei kollaborierenden autonomen Systemen die Rolle des Menschen darin zu bestimmen oder bei neuen Diensten zu klären, welcher Nutzen für den Kunden entsteht. Dieses Prinzip setzt die ERGO um. „Die Digitalisierung ist für uns erfolgreich, wenn die ERGO damit für die Kunden attraktiver wird“, sagt Engelke. Beispielsweise sollen Kunden Schäden online melden oder statt des gesamten Hausrats nur einzelne Geräte versichern können. Zudem bindet ERGO Kunden in die Entwicklung ein: Für ein neues Portal haben diese mitentschieden, wie die Nutzeroberfläche aussieht.

II. Mehr Leader, weniger Technokrat 

Früher war Chefsein einfacher: Einer bestimmte, wo es langgeht, die anderen folgten. Heute geht es um mehr als das. Die Rolle des Managers wandelt sich. „Wir brauchen Leader, keine Technokraten“, nennt das Engelke. Manager also, die teamorientiert arbeiten, den Mitarbeitern zuhören und sie motivieren. Und Chefs, die den Mut haben, zu sagen: „Ich weiß, wo wir hinwollen. Aber ich weiß nicht alle Details, was wir dafür tun müssen. Lasst uns gemeinsam darüber nachdenken.“

 

Niemand kann heute noch Sicherheit versprechen.
Wir müssen Unsicherheit aushalten und offen damit umgehen.

Lothar Engelke,
Geschäftsführer der ITERGO

III. Vorbild sein

„Orientierung geschieht wesentlich an Persönlichkeiten. Führen durch Vorbild ist heute wichtiger denn je“, sagt Ingrid Schirmer. Wer Erfahrung und Fachwissen mit Selbstreflexion kombiniere, könne Orientierung geben und Wege zur persönlichen Zielerreichung aufzeigen. Zudem spiele die innere Motivation eine Rolle. „Ich bin in der Bildung tätig, weil ich sie für ein extrem hohes Gut halte“, sagt Schirmer. „Ich möchte gerne dazu beitragen, dass jeder junge Mensch seinen Weg finden kann.“ Dazu gehöre, Talente zu entdecken und zu fördern.

IV. Besser scheitern

Die digitale Transformation erfordert eine Arbeitsweise, die es ermöglicht, schnell und innovativ zu handeln. „Das in unserem Haus eingesetzte Prinzip ‚agil’ beinhaltet auch ausprobieren und Fehler machen“, sagt Lothar Engelke. Wer in diesen Zeiten arbeite, müsse Ideen beschreiben, damit loslaufen und sie täglich reflektieren. „Wenn man feststellt, dass etwas nicht geht, muss man es mit Konsequenz und Mut beenden.“ Es gilt die Logik: Erfolg setzt die Bereitschaft zum Scheitern voraus.

V. Wissen, Wissen und noch mal Wissen

„Ein fundiertes Fachwissen gibt trotz der Schnelllebigkeit Selbstvertrauen“, sagt Ingrid Schirmer. Zudem seien die Fähigkeit zur Weiterbildung und die Bereitschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit erforderlich. Informatikstudenten werden derzeit vom Markt absorbiert. Es gibt 51 000 offene Stellen im deutschen IT-Sektor (Quelle: Bitkom). Auch Berufseinsteiger und Mitarbeiter aus anderen Branchen müssen sich digitale Kompetenzen aneignen. Das erfordere seitens der Unternehmen, dass sie Perspektiven aufzeigten und Schulungen anböten. „Flächendeckende digitale Bildung ist ein Gebot der Stunde“, sagt Schirmer.

Dr. Ingrid Schirmer, Professorin für Informatik, Universität Hamburg (Foto: privat)

VI. Große Ziele, kleine Schritte

Ein Merkmal der heutigen Arbeitswelt sei, dass die langfristige Planbarkeit verloren gehe, sagt Lothar Engelke. Wer sich anpasse und schnell reagiere, stehe meist besser da als jene, die starr an Jahresplänen festhielten. Engelke und seine Kollegen arbeiten daher auf zwei Ebenen: erstens auf der Grundsatzebene. Hier gehe es um Fragen wie: Was ist unsere Vision? Wie wollen wir arbeiten? Was gibt unserer Arbeit Sinn? Zweitens auf der Detailebene: Da gehe es um die täglichen, projektbezogenen Probleme und Aufgaben. Auch Ingrid Schirmer hält die Grundsatzebene für wichtig: „Es gibt Werte, für die es lohnt, sich einzusetzen. Dazu zähle ich beispielsweise Vertrauen zwischen den Mitarbeitern oder Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Wer sich solche Werte bewusst macht, findet die innere Kraft, Menschen zusammenzubringen, zu begeistern und zu führen.“

 

Wer am Markt bestehen will, muss sich dem digitalen Wandel unterziehen.

Dr. Ingrid Schirmer, Professorin für Informatik, Universität Hamburg

VII. Einkehr im digitalen Zeitalter

Wer schnell entscheiden und reagieren müsse, wie Führungskräfte im digitalen Zeitalter, brauche „beste Informationslage, optimale Kommunikation – und Rückzug“, sagt Schirmer. „Wenn wir keine Zeit mehr haben, bei uns selbst zu sein, wer entscheidet dann?“ Natürlich könnten heute auch Algorithmen datenbasierte Entscheidungen treffen. Aber jede Maschine entbehre: ethische Verantwortung und Intuition. Wer Orientierung suche, finde sie eben nicht nur in Fakten, sondern auch und gerade in sich selbst. So lässt sich Unsicherheit aushalten oder, wie für Lothar Engelke, als Chance begreifen: „Wir beschreiten neue Welten.“


Zur Person:
Lothar Engelke ist Mitglied der Geschäftsführung der ITERGO Informationstechnologie GmbH und verantwortlich für Infrastrukturmanagement und International. Die ITERGO ist der zentrale IT-Dienstleister der ERGO Group. Sie entwickelt und implementiert IT-Strategien und Dienstleistungskonzepte für das In- und Ausland und sorgt so dafür, dass ERGO ständig mit dem neuesten Stand der Informationstechnologie arbeitet. In Deutschland arbeitet die ITERGO an den Standorten Düsseldorf, Hamburg, Köln und München.

Prof. Dr. Ingrid Schirmer ist stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg. Seit 2004 leitet sie dort die Forschungsgruppe Informationstechnikgestaltung und Genderperspektive im Schwerpunkt Complex Systems Engineering. Prof. Schirmer ist zudem Initiatorin des Masterstudiengangs „IT-Management und -Consulting“, der in Kooperation mit derzeit 23 renommierten Hamburger Unternehmen sowie der Handelskammer Hamburg und hamburg@work angeboten wird. Die direkt gruppe gehört dieser Kooperation ebenfalls an.


Dieser Artikel erschien in der direkt informiert 01/2017. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 01/2017, Schwerpunkt: Orientierung

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