InsurTechs – wie Digitalisierung Märkte verändert

InsurTechs – wie Digitalisierung Märkte verändert

Was Uber und Mytaxi für die Taxibranche sind FinTechs für Banken und InsurTechs für Versicherungen: innovative Wettbewerber, die den etablierten Anbietern im Rennen um die Gunst der Kunden mit neuen, digitalen Methoden einfach davonfahren. Wollen die bisherigen Champions ihre Positionen verteidigen, müssen sie vor allem ihre IT-gestützten Prozesse schneller, effizienter und flexibler gestalten.

Googles selbstfahrendes Auto und Amazons Vision der Paketlieferung per Drohne sind wohl die derzeit bekanntesten Beispiele für die Herausforderung traditioneller Branchen durch die digitale Wirtschaft. Uber, Netflix und Airbnb sind weitere Vertreter einer ständig wachsenden Zahl von Firmen, deren innovative digitale Geschäftsmodelle ganze Branchen verändern.

Sind Insurtechs das neue große digitale Geschäftsmodell?

Abb. 1: Die meisten der wertvollsten Start-ups der Welt begeistern die Venture-Capital-Geber mit digitalen Geschäftsmodellen – allen voran Uber. Quelle: Statista, The Wall Street Journal, Dow Jones VentureSource (http://de.statista.com/infografik/2041/die-wertvollsten-startups-der-welt/)

InsurTechs – neue Player im Versicherungsmarkt

Weniger schlagzeilenträchtig, aber nicht weniger tiefgreifend vollzieht sich der digitale Wandel in der Finanz- und Versicherungswirtschaft: Nachdem die Bankenindustrie in den vergangenen Jahren durch die sogenannten FinTechs aufgescheucht wurde, sind es nun die InsurTechs, die neue Bewegung in den Versicherungsmarkt bringen. Natürlich können diese neuen Player bei Weitem nicht mit dem Leistungsportfolio einer Allianz oder Axa konkurrieren. Aber das müssen sie auch gar nicht. Gerade die Spezialisierung auf kleine Bereiche des Marktes kann helfen, effizienter zu werden und bestimmte Services günstiger anzubieten oder Kunden gezielter anzusprechen.

Appgesichert für einen Tag

Ein Beispiel für Versicherungen im App-Zeitalter liefert die SituatiVe GmbH in Düsseldorf mit ihrem Angebot „Appsichern“. Damit können Kunden beispielsweise Kurzzeitversicherungen für Stadionbesuch, Kita-Ausflug oder Radtour per SmartPhone oder Tablet-PC abschließen. Auch das Fahren des eigenen Autos durch Freunde oder Familienmitglieder lässt sich über die App kurzfristig versichern. Die Situative GmbH fungiert dabei als Makler. Während bei Appsichern das Geschäftsmodell der „Spot Insurance“ im Vordergrund steht, geht es bei Apps wie Getsafe oder Knip darum, dem Benutzer das einfache Management der Verträge per Smartphone zu ermöglichen.

Innovativ geht auch ohne App

Dass es nicht unbedingt eine App braucht, um innovative Versicherungsangebote per Internet erfolgreich zu platzieren, zeigt das Angebot Friendsurance der Alecto GmbH in Berlin. Mit mehr als fünf Jahren am Markt gehört das Unternehmen bereits zu den etablierten Anbietern unter den InsurTechs. Auch Friendsurance ist im Grunde eine Online-Variante der klassischen Maklertätigkeit– mit einer Besonderheit: Friendsurance verspricht Versicherungsnehmern bis zu 40 Prozent Beitragsrückzahlung bei Schadenfreiheit durch das so genannte Peer-to-Peer (P2P)-Insurance-Konzept. Dazu werden die Versicherten in kleinen Gruppen zusammengefasst, von deren Beiträgen ein Teil in einen gemeinsamen Topf wandert. Kleinere Schäden werden aus diesem Topf beglichen, größere an die jeweilige Versicherung weitergereicht. Am Ende eines Jahres wird dann der Inhalt des Topfes unter den schadenfreien Mitgliedern aufgeteilt. Nach Angaben des Unternehmens erhielten Anfang 2015 mehr als vier Fünftel (84 Prozent) der Versicherten eine Rückzahlung.

Millennials besser verstehen

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Abb. 3: „Click & Care“ lautet das Motto bei der Handyversicherungs-App der Allianz

Angebote wie die hier beschriebenen adressieren vor allem junge Zielgruppen, die mit dem herkömmlichen Bild einer Versicherung wenig anfangen können. Die technologieaffinen Millennials verstehen unter Kundennähe etwas anderes als einen Besuch in einer Bankfiliale oder einen Termin mit einem Versicherungsvertreter. Sie wollen über Smartphone mit dem Anbieter kommunizieren. Die InsurTechs haben das verstanden und ihre Prozesse darauf abgestimmt. Beispielsweise muss der Nutzer einer Versicherungs-App seine persönlichen Daten in der Regel nur einmal angeben. Anschließend werden sie passwortgeschützt im Benutzerkonto gespeichert. Das beschleunigt jeden weiteren Abschluss zusätzlich. Gezahlt wird ebenfalls einfach und schnell per Kreditkarte oder mit verschiedenen Online-Payment-Verfahren. Hier haben die traditionellen Anbieter noch einigen Nachholbedarf. Wenn sie nicht bald handeln, laufen sie ernsthaft Gefahr, die jüngeren Versicherungsnehmer an die neuen Wettbewerber zu verlieren.

Tatsächlich erkennen weltweit immer mehr Gründer und Investoren die Chancen für InsurTechs: Nach Angaben des Blogs Daily Fintech (dailyfintech.com) waren 2015 mindestens 40 InsurTech-Firmen aktiv. Aber auch etablierte Anbieter mischen mit. So brachte der Makler Hoesch & Partner die App asuro für das Versicherungsmanagement per Handy an den Start. Und die Allianz bietet mit „Clare“ eine App zum Versichern von Handy oder Tablet. Dabei erkennt die Software automatisch das zu versichernde Gerät. Darüber hinaus betreibt der Branchenprimus mit dem „Allianz Digital Accelerator“ eine Art Zukunftslabor der Assekuranz.

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Dr. Carlo Velten, CEO, Crisp Research AG: Digitalisierung erfordert die Zusammenarbeit von Corporate- und Product IT. Foto: Crisp Research AG

„Jetzt kommt es darauf an, neue Anwendungen und Prozesse schnell in Proof-of-Concepts (PoCs) oder einem ‚MVP‘ (Minimal Viable Product) umzusetzen und zu testen.“

Dr. Carlo Velten, Crisp Research

Aufbruch in Richtung Neuland

Doch für viele deutsche Unternehmen ist die Digitalisierung weiterhin Neuland – nicht nur in der Versicherungsbranche. Für manche Entscheider endet die Digitalisierung immer noch bei dem Scannen von Papierdokumenten oder bei der elektronischen Rechnungsverarbeitung. Damit verschenken sie das enorme Rationalisierungs- und Innovationspotenzial, das gerade in der mobilen Internetnutzung besteht.

Carlo Velten, CEO der Crisp Research AG, rät den Unternehmen deshalb, die Rollen von Corporate IT und Product IT klar zu definieren und ihre Zusammenarbeit zu fördern: „Jetzt kommt es darauf an, neue Anwendungen und Prozesse schnell in Proof-of-Concepts (PoCs) oder einem ‚MVP‘ (Minimal Viable Product) umzusetzen und zu testen. Dazu gehört, dass man Anwendungen auf Cloud-Plattformen schnell skaliert – und nötigenfalls auch wieder einstampft. Neue IT-Anwendungen müssen aus der Sicht des Nutzers entwickelt werden und die User Experience in den Mittelpunkt rücken. Dabei sind neben klassischen Managementdisziplinen der IT wie Sourcing oder Projektmanagement vor allem Anwendungsentwickler, Datenanalysten, Schnittstellen-Programmierer und Cloud-Architekten gefragt, die sich nicht nur mit den neuen Technologien auskennen, sondern auch in interdisziplinären Teams mit den Fachbereichen zusammenarbeiten.“