Digital Farming

Digital Farming und die IT der zwei Geschwindigkeiten

Auf dem Acker rockt es

Die Digitalisierung bringt täglich neue Geschäftsmodelle hervor. Ob von Versicherern, Logistikunternehmen oder Chemieunternehmen. Services aus der Cloud, sofort verfügbar, sind das neue Rückgrat. Der Spagat für die Unternehmens-IT ist: Wie bringt man die eigene, bewährte Systemlandschaft mit der Flüchtigkeit der Cloud zusammen, ohne bei Compliance, Sicherheit und Service-Qualität Abstriche zu machen?

Mut in der IT heißt für mich momentan, die Digitalisierung mit allen Chancen und Risiken anzupacken, sich den Herausforderungen zu stellen und kreativ nach Lösungen zu suchen. Mut, Organisationsstrukturen zu verändern, Mut, neue Teams zu bilden, die agil unterwegs sind, und nicht zuletzt auch Mut, Technologien aus der Cloud auszuprobieren, die zwar per Klick bestellt, aber damit noch lange nicht sicher oder easy-to-use sind.

Die Geschwindigkeit, mit der momentan Veränderungen passieren ist enorm. Nicht nur gefühlt. Ich erlebe es täglich in meinen Projekten. Binnen weniger Wochen lagern beispielsweise Versicherungskonzerne mathematische Verfahren für die Risikobewertung in die Cloud aus. Im Wochenrhythmus mischen sogenannte Insure-Techs oder Fin-Techs, Start-ups in der Versicherungs- und Finanzbranche, den Markt auf. Sie bieten Kurzzeitpolicen oder 24-Stunden-Drittfahrerschutz, wenn man das Auto kurzfristig an einen Freund verleiht. Das Kapital dieser Unternehmen sind Geschwindigkeit und intelligente Algorithmen. Den Kunden wird geholfen, Bankgeschäfte zu vereinfachen oder einen spontanen Versicherungsbedarf zu decken.

Digital Farming als Motor für Veränderungen

Diese Innovationen sind nur möglich, weil sie im Kontext von Cloud-Computing entstehen und auf Services aus der Wolke zurückgreifen. Eines meiner jüngsten Projekte leitete ich bei einem global agierenden Chemieunternehmen. Hier ist Digital Farming der Motor für Veränderungen, im Geschäft, in den Abläufen und Organisationsstrukturen. Und in der IT (siehe Kasten: Digital Farming = Präzisions-Landwirtschaft).


Digital Farming = Präzisions-Landwirtschaft

Ein Landwirt ernährt heute 145 Menschen. 1949 waren es noch zehn. Vollautomatische Ernte, Drohnen, die als Rehkitzretter unterwegs sind, Melkroboter für Kühe. Nicht mehr mit der Gießkanne düngen, sondern ganz gezielt pro Quadratmeter die exakte Menge ausbringen. Tausende Sensoren überwachen und steuern das Mikroklima. Anhand von Satellitendaten die Ackerfläche überwachen und per Drohne Pflanzen einzeln mit Pestiziden schützen (sog. Micro-Spraying). Die Liste der Möglichkeiten, die sich durch das Internet der Dinge, etwa Sensoren oder die Auswertung von Geo- und Klimadaten, ergeben, ist lang. Für Unternehmen aus der Chemiebranche tun sich neue Geschäftsfelder auf, indem sie ihren Kunden verdichtete Daten zu Entscheidungsunterstützung etwa in Apps zur Verfügung stellen.


Aktuell gibt es laut dem Informationsportal „Media Planet“ weltweit etwa 26 Millionen vernetzte Geräte in der Landwirtschaft – 2020 sollen es 97 Millionen sein. Das Internet der Dinge (IoT) erlebt man hier hautnah. Ziel von Digital Farming ist der optimale Einsatz von Ressourcen – Flächen, Saaten, Dünger, Schutzmittel – für eine nachhaltigere Landwirtschaft. Dazu werden massenhaft lokale und Geodaten ausgewertet. Daten von Bodensensoren, die das Klima, die Bodenbeschaffenheit messen, um Saatgut, Düngemittel und Schädlingsbekämpfung nicht mehr mit der „Gießkanne“, sondern quadratmetergenau auszubringen. Daten um Drohnen zu steuern, die ganz gezielt einzelne Pflanzen mit Schutzmittel besprühen und die Erträge pro Fläche überwachen. Bilddaten von Ackerflächen, um Wildschäden zu erkennen oder Rehkitze vor Erntemaschinen zu schützen. Und Geodaten etwa von Klimaforschern und Satelliten für langfristige Wetterprognosen.

Überführung von neuen Geschäftsideen in den ordentlichen IT-Betrieb

Ein Riesenmarkt für neue Geschäftsideen und Anwendungen entsteht gerade. Neue Kooperationen bilden sich. So bezieht der Chemiekonzern Geodaten von Satellitenbetreibern und eine Zusammenarbeit etwa mit Klimainstituten wäre denkbar. Um die Geschwindigkeit hinzubekommen, neue Lösungen rasch auf dem Markt zu etablieren, hat der Projektkunde — das ist mittlerweile exemplarisch – innerhalb seines globalen IT-Programms eine Initiative zur Unterstützung von „New Business“ etabliert, um neue Geschäftsideen wie digital Farming in den ordentlichen IT-Betrieb zu überführen. Dort entstehen Anwendungen, die lokale und Geodaten so stark verdichten, dass Farmer damit konkret Entscheidungen in puncto Saatgut, Dünger, Bewässerung und kontinuierliche Pflege treffen können. Entwickelt werden diese Anwendungen ausschließlich auf Basis von Cloud-Komponenten.

Bewährte Compliance- und Sicherheitsstrukturen nutzen

Trotz größtmöglicher Freiheitsgrade bei der Nutzung neuer Technologien für das digitale Business: Der Konzern stellt strenge Anforderungen an Compliance und Sicherheit. Dazu wurde in den vergangenen Jahren eine interne IT- und Prozess-Plattform geschaffen, die gesetzliche Regularien erfüllt, sicher ist und jeder Revision standhält. Die Ansage an New Business lautete daher: Seid kreativ, nutzt die Cloud, aber wir, die zentrale IT, betreiben das für euch. Kein Unternehmen kann es sich leisten, die bewährte IT mit ihren Standards für Integration, SLAs, ITSM, Abrechnungssystemen etc. abzuschalten oder zu umgehen. Im Gegenteil: Es geht darum, die Compliance und Sicherheitsstrukturen zu nutzen – auch für neue Cloud-Systeme. So auch in dem Projekt bei dem Chemieriesen.

Automatisierter Betrieb der Cloud-Systeme mit ServiceNow

Welche Umgebung braucht man? Wie überträgt man Service Level auf Cloud-Systeme? Wie lassen sich Services standardisiert bereitstellen, ohne eine zu enge Bindung an einen Cloud-Portal-Anbieter wie AWS oder Azure einzugehen? Und welche Rolle kommt der zentralen IT-Organisation dabei zu?

Für den automatisierten Betrieb der Cloud-Systeme und deren Einbindung in die bestehende Landschaft entschied man sich für die Enterprise-Cloud-Lösung von ServiceNow. Als Single-System-of-Records lässt sich damit das Service-, Operations- und Geschäftsmanagement auf einer Plattform abbilden.

ServiceNow nutzen wir als das führende System zwischen Diensten aus der Cloud, etwa von Azure oder AWS und der eigenen IT. Ein Werkzeug, mit dem der Endanwender sich in einem Serviceportal anmeldet und Services aus einem Katalog beziehen kann. Der Ablauf von der Bestellung eines Cloud-Services, über die Bereitstellung, Zuweisung zu Kostenstellen bis hin zur Nutzung läuft – einmal vordefiniert – autonom ab. Ebenso einfach kann der User den Service stoppen, pausieren oder abmelden (Provisioning und De-Provisioning) und schafft dadurch volle Kostentransparenz.

Wir kennen die Möglichkeiten mit ServiceNow sehr gut, auch aus anderen Projekten. Es bietet standardmäßig Integrationswerkzeuge etwa zu den Verzeichnis- und Identity-Management-Anwendungen wie „Active Directory“ sowie zu Import- und Export-Schnittstellen mit bestehenden Systemen wie etwa Abrechnung in SAP (Billing), Konfigurationsdatenbanken (CMDB), internen ITSM-Suiten und vielen mehr. Die Anbindung an die vorhandene IT ist dadurch schnell erledigt.

Brücke zur Nutzung der neuen Technologien

Grundsätzlich ist die Idee der IT der zwei Geschwindigkeiten (bimodale IT) sehr überzeugend. In etablierten Konzernen sollte es allerdings eine Übergangszeit geben, in der der „alten“ IT eine Brücke zur Nutzung der neuen Technologien gebaut wird, damit Cloud-Leistungen nach Unternehmensstandards gemanagt und ITIL-Prozesse durch DevOps-Verfahren abgelöst werden können.

Ein hoher Automatisierungsgrad und Kostentransparenz sind zwei Nutzen dieser Integration. Da außerdem auf bestehende Strukturen in der IT-Organisation aufgesetzt wird, greift der Kunde auf das breite Know-how seiner vorhandenen IT zurück. Die bestehende IT-Mannschaft ist damit erster Ansprechpartner für etwaige Probleme und Leistungen, auch wenn diese aus der Cloud kommen. Der Endkunde muss sich insofern nicht mit den unterschiedlichen Cloud-Providern auseinandersetzen.


AgGateway

Die direkt gruppe ist Mitglied der AgGateway Europe, einer Vereinigung, die ursprünglich aus Nordamerika stammt und zum Ziel hat, E-Business in der Agrarwirtschaft zu fördern und zu verbreiten. Der Fokus liegt dabei auf der Implementierung allgemeiner Strategien. Aktuelle Projekte sind: SPADE Europe, dass sich mit Precision Farming befasst. Und Identity, um Stammdatenservices etwa für Züchter- oder Produktmerkmale anzubieten.

aggatewayglobal.net


Dieser Artikel erschien in der direkt informiert 04/2016. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 04/2016, Schwerpunkt: Mut

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