Die schwierige Kunst des Einfachen

Die „App-ifizierung“ des Alltags hat neue Maßstäbe für die Einfachheit von Anwendungen gesetzt. Die klassische IT hinkt dem hinterher. Es wird Zeit, aufzuholen.

Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.“ Das forderte schon Albert Einstein. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man es sich auch zu einfach machen kann. Doch was bedeutet das für die moderne IT? Zwar muss heute kein Computer mehr mit Lochkarten gefüttert werden; und wo früher für einen Business-PC zahlreiche Komponenten von der CPU bis zur Festplatte und zur ISDN-Karte beschafft und zusammengebaut werden mussten, wird heute Standardhardware mit vorkonfigurierter Software auf den Schreibtisch gestellt oder wird Rechenleistung gleich aus der Cloud bezogen. „Doch so einfach wie möglich ist die Unternehmens-IT damit noch nicht“, meint Ralf Weber, Geschäftsführer der networks direkt GmbH, eines Unternehmens der direkt gruppe, in Köln. Dazu erklärt Joachim Hackmann, Principal Consultant – Digital & IoT, PAC Germany: „Um Einfachheit an der Oberfläche zu schaffen, muss die IT-Abteilung die Komplexität im Backend beherrschen. Angesichts der wachsenden Vielfalt von IT-Lösungen für immer mehr Unternehmensprozesse wird das auch in Zukunft keine triviale Aufgabe sein.“

Joachim Hackmann, Principal Consultant – Digital & IoT, PAC Germany, schätzt, dass der Gewinn an Einfachheit durch Cloud-Services von der Komplexität der Verwaltung unterschiedlicher Cloud-Anbieter aufgezehrt wird.

IT vereinfachen – wofür?

Ralf Weber kennt die Schwierigkeiten der Vereinfachung von IT aus vielen Kundenprojekten. Er sagt: „Wer IT simplifizieren will, muss sich erst einmal darüber klar werden, wozu die Einfachheit dienen soll.“ Weber unterscheidet generell fünf Rollen von IT-Beteiligten, die ganz unterschiedliche Erwartungen an die Unkompliziertheit von IT haben – vom Verbraucher über die Fachanwender im Unternehmen, Entwickler und IT-Betriebsmitarbeiter bis hin zum Entscheider.

„Wer IT simplifizieren will, muss sich erst einmal darüber klar werden, wozu die Einfachheit dienen soll.“

Ralf Weber,
networks direkt GmbH

Da moderne Unternehmen ihre Abläufe heute im Hinblick auf die User Experience organisieren, so Weber, muss die IT sich vor allem an den Erwartungen der Verbraucher oder Endbenutzer orientieren. Und die wollen sich nicht mit Technik beschäftigen, sagt er: „Anwendungen müssen so einfach sein wie Google Maps.“ Um diese Erwartung zu erfüllen, muss die IT so viel wie möglich automatisieren. Analyst Hackmann prognostiziert: „Viele neue IT-Anwendungen werden auf Basis von künstlicher Intelligenz oder Deep Learning immer mehr Aufgaben automatisiert ausführen – sowohl in den Business-Prozessen als auch in der IT.“ Die nötige Technik, zum Beispiel für die Spracherkennung, sei relativ bequem per Schnittstelle von Anbietern wie IBM, Microsoft, Google oder Amazon zu beziehen. Die größere Herausforderung ist es oft, die Prozesse so zu gestalten, dass sie sich automatisieren lassen.

Arbeiten wie zuhause

Auch für die Business-Mitarbeiter in den Fachabteilungen ist die private IT-Nutzung der Maßstab für die Einfachheit, die sie an ihrem Arbeitsplatz erwarten: Wenn sie eine neue Anwendung, mehr Speicherplatz oder eine höhere Performance brauchen, um Businessprojekte abschließen zu können, dann soll das genauso schnell und einfach gehen wie bei Dropbox im privaten Umfeld. „Tatsächlich erlauben die Plattformen der großen Cloud-Anbieter mit ihren Schnittstellen ja auch eine schnelle Bereitstellung von Ressourcen“, erklärt Hackmann. Das zeige sich beispielsweise in den Self-Service-Portalen, die viele Unternehmen bereits aufgebaut haben. Sie vereinfachen den Zugriff auf Ressourcen zur Entstörung oder zur Bereitstellung von Services. So entlasten sie auch den IT-Betrieb.

„Um Einfachheit an der Oberfläche zu schaffen, muss die IT-Abteilung die Komplexität im Backend beherrschen.“

Joachim Hackmann,
PAC Germany

Die Komplexität kehrt jedoch spätestens dann zurück, wenn sie mehrere interne und externe Angebote integrieren. Ralf Weber warnt deshalb vor überzogenen Erwartungen an die IT-Abteilung: „Der CIO und sein Team müssen ja nicht nur die technische Implementierung meistern, sondern auch für die Einhaltung der Service Level Agreements (SLA), Sicherheits- und Compliance-Regeln sorgen. Und das nicht nur bei der Einführung, sondern auch im laufenden Betrieb und mit einer tendenziell wachsenden Anzahl von Cloud-Providern.“ Dabei sind neben den vielen regulatorischen Änderungen auch Modifikationen der Unternehmensabläufe und technische Neuerungen zu berücksichtigen.

Cloud hilft böse Überraschungen zu vermeiden

Für den Developer als Vertreter der innovativen IT heißt Einfachheit die freie Verfügbarkeit von allem, was zum Entwickeln von Software nötig ist. Ralf Weber: „Entwickler wollen sich nicht mit rechtlichen Rahmenbedingungen oder mit dem Back-up der Daten befassen, sondern ausschließlich programmieren – ohne vorher zu überlegen, wie viel Speicherplatz sie vielleicht brauchen. Und ohne böse Überraschungen, weil der Speicherplatz im Projektverlauf nicht ausreicht.“ Auch dafür liefert die Cloud so ziemlich alles, was man braucht. Doch wer legt fest, welche Services wann, wo und von wem in Unternehmensprozesse eingebaut oder wieder abgeschaltet werden dürfen?

Spätestens hier kommt die klassische IT ins Spiel. Deren Mitarbeiter verstehen unter Einfachheit vor allem die Möglichkeit, mit den vorhandenen Ressourcen den Betrieb, die Sicherheit und Compliance der Infrastruktur so sicherzustellen, dass die Business-Prozesse störungsfrei laufen und die Fachbereiche ihre Anforderungen erfüllen können. Doch die Digitalisierung hat zwar an der Oberfläche vieles vereinfacht, darunter sieht es aber anders aus. Hackmann erläutert: „Der Gewinn an Einfachheit, der dadurch entsteht, dass man schnell Server, Storage oder Rechenkapazität aus der Cloud zuschalten kann, wird dadurch aufgezehrt, dass die Verwaltung unterschiedlicher Cloud-Anbieter neue Komplexität schafft.“

Zwar gibt es für deren Beherrschung neue Tools und Techniken, doch die allein lösen viele Probleme nicht, erklärt Weber anhand eines Beispiels: „Allein der Cloud Provider AWS hat 2016 mehr als 1000 neue Features und Funktionen veröffentlicht. Das sind mehr als drei am Tag. Angesichts dieser Innovationsgeschwindigkeit ist es für Unternehmen fast unmöglich, genügend Überblick zu behalten, um eine Strategie dafür zu entwickeln, wann welche Aufgaben mit welchen Technologien am besten zu lösen sind.“

Fokus auf das Kerngeschäft

Um die rasante Entwicklung auch künftig steuern zu können, empfiehlt Hackmann den Unternehmen, möglichst viele IT-Aufgaben zu automatisieren und weniger geschäftskritische Abläufe selektiv an Spezialisten auszulagern. Nur so lassen sich auch die Forderungen der Entscheider nach einer Vereinfachung der IT umsetzen: Sie erwarten volle Konzentration auf das Kerngeschäft, möglichst viel Flexibilität und Verfügbarkeit. Darüber hi­naus wollen sie Neues in einem rechtssicheren Rahmen ausprobieren und je nach Geschäftsentwicklung Services zu- oder ausbuchen können. Und das alles zu jederzeit transparenten, nutzungsabhängigen Kosten. „Das kann die IT liefern, aber es erfordert eine neue Definition der IT als Business-Enabler statt als Kostenstelle. Und damit anzufangen, erfordert keine hohen Investitionen in neue Technologien“, erklärt Ralf Weber.


direkt informiert

Dieser Artikel erschien in der direkt informiert 04/2017. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 04/2017, Schwerpunkt: Einfachheit

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