Die Evolution von Mut

Warum Batman Robin braucht

Vor etwa 50 000 Jahren kämpfte der Neandertaler todesmutig mit den Säbelzahntigern. Heute spekuliert ein Investmentbanker wagemutig mit Abermilliarden an den Weltbörsen. Welcher von beiden ist der Mutigere? Der Psychologe von der Universität Maastricht, Kai Jonas, weiß eine Antwort darauf.

Kai Jonas: Mut baut man in kleinen Schritten auf (Foto: Moises Moricoli)

Kai Jonas: Mut baut man in kleinen Schritten auf (Foto: Moises Moricoli)

Dem Mutigen gehört die Welt – Ist das eine Lebensphilosophie, der Sie zustimmen, Herr Professor Jonas?

Unbedingt. Der Mensch als evolutionäre Grundkonstante hat immer das Neue und somit auch das Risiko gesucht. Aber nicht das blinde Mutigsein führte zum Erfolg, sondern die überlegte Handlung.

Gibt es eine Regression von Mut, also hat der Neandertaler damals mehr Mut bewiesen als ein Investmentbanker heute?

Nein, denn jede gesellschaftliche Situation erfordert eine andere Form von Mut. Vor hundert Jahren galt es als mutig, sich in die Teufelskiste Automobil zu setzen. Heute würde niemand mehr behaupten, das sei mutig. Und eine Investmententscheidung, die heute gefällt werden muss, ist auch nicht weniger mutig als der Kampf des Urmenschen mit dem Säbelzahntiger. Die Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft, die eine gewisse Portion Mut erfordern, haben sich verändert – aber nicht der Mut als solcher.

Was unterscheidet den Mutigen vom Hasenfuß; haben Wissenschaftler das Mut-Gen entdeckt?

Nein, und Mut ist – leider – auch nicht direkt vererbbar. Wohl hatten mutige Menschen evolutionär wahrscheinlich einen Vorteil. Der Unterschied zwischen einem Mutigen und einem Hasenfüßler ist auch gar nicht so gravierend. Das mag zunächst paradox klingen; aber jemand, der im erfolgreichen Sinne mutig ist, weiß sehr genau um seine Gefühle – kennt seine Ängste und seine Grenzen. Das hilft ihm, Risiken von Handlungen einzuschätzen. Der Hasenfuß ist sich seiner Gefühle auch bewusst, fühlt sich aber noch nicht in der Lage, seine Grenzen wegen der Risiken zu überwinden.

Wie kann man denn Mut machen?

In kleinen Schritten. Man muss versuchen, langsam Selbstsicherheit aufzubauen und Kompetenz zu erzeugen. Mit dem klaren Ziel: Viele kleine Schritte ersetzen einen großen. Kleine Schritte statt Heldentaten. Wenn man gleich den großen Schritt fordern würde, stieße man auf Ablehnung oder gar Verweigerung.

Sich im Lernprozess wohlfühlen ist also wichtig?

Ja, und die eigene Komfortzone verlassen, wird dann als Mut definiert. Für die agierende Person ist der neue Schritt aus dem sicheren Hafen eine logische Konsequenz des Lernens, der eigenen Reife und Erfahrung – also ein fließender Prozess. Für Außenstehende ist dieser innere Entwicklungsprozess nicht sichtbar, sie halten die Entscheidung für mutig. Menschen, die als mutig beschrieben werden, empfinden sich oft gar nicht als mutig. Für sie ist das alles völlig normal, denn in der speziellen Situation musste eben so und nicht anders gehandelt werden.

Der eigene Aktionsradius wird durch einen Partner à la Batman und Robin vergrößert. Warum ist man in der Gemeinschaft mutiger?

Mut ist eine individuelle Eigenschaft. Dazu braucht man nicht notwendigerweise eine zweite Person oder gar eine Gruppe. Eine unterstützende Person – also Batmans Robin – kann aber die eigenen Risiken mindern, und die zweite Person kann den eigenen Handlungserfolg unterstützen. Das ändert an der Mutgleichung nicht so viel, aber sie verändert etwas an der Risikoverteilung. Mit der Zunahme von mehr Sicherheit nehmen wir auch mehr Risiken in Kauf. Und das schaukelt sich immer weiter hoch; der Mensch findet Nullrisiko nicht sonderlich attraktiv. Er braucht den Reiz: Es muss prickeln.

Wenn es prickelt, ist meist Gefahr im Verzug und verlangt dann Zivilcourage …

ja, aber man muss auch den Mut aufbringen, in bestimmten Situationen eben nicht einzugreifen.

Der Mutige als Hasenfuß?

Nein! Aber auch der mutige Mensch muss Angst zeigen. Er muss sich über dieses schützende Bauchgefühl im Klaren sein und sich nicht von irgendwelchen Rollenbildern, beispielsweise Männlichkeit, treiben lassen. Manchmal bleibt eben nur der Rückzug als die bessere Form des Mutes.

Wie wird denn aus Angst Mut?

Angst ist die primäre Reaktion und ist das Ergebnis einer Aktivierung der Amygdala – des Angstzentrums im menschlichen Hirn. Es befindet sich in einem sehr „alten“ Teil unsers Gehirns und regelt unter anderem die primitive Angst. Der Gegenspieler der Amygdala ist das subgenuale anteriore Cingulum – die Schaltstelle zwischen präfrontalem Kortex sowie dem limbischen System. Es integriert kognitive und emotionale Prozesse. Wenn dieses aktiviert ist, dann regelt sich die Aktivierung der Amygdala herunter, die Angstreaktion schwindet. So entsteht Mut.

Kann man diesen messen?

Direkte Mutmarker gibt es nicht, indirekte schon: die Abnahme von Angstmarkern. Aber oft folgt auf eine mutige Handlung auch eine Gegenreaktion, die wir wie Angst erfahren. Das überschüssige Adrenalin muss angebaut werden, und da schlottern einem schon mal die Glieder.


Zur Person:
Prof. Dr. Kai J. Jonas (Jahrgang 1972) ist Associate Professor am Work and Social Psychology Department der Universität Maastricht. Seit 1999 beschäftigt er sich mit dem Thema Hilfeleistung, Zivilcourage und Mut.


Dieses Interview erschien in der direkt informiert 04/2016. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 04/2016, Schwerpunkt: Mut

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