Deutschland ist bereit für Quereinsteigende

Dalia Das hat 2018 in Hamburg das Coding-Bootcamp „neue fische“ gegründet. Im Interview erzählt sie, welches Potenzial Quereinsteigende in der IT-Branche bieten – und wie man sie Unternehmen schmackhaft macht.

Dalia Das, Gründerin des Hamburger Start-ups „neue fische“

Dalia Das, Gründerin des Hamburger Start-ups „neue fische“

Ein Bootcamp für Coder – wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?

Die Idee habe ich aus den USA mitgebracht. Dort sind Bootcamps schon seit sechs oder sieben Jahren etablierter Bestandteil der Bildungsszene. Sie werden immer dort eingesetzt, wo es darum geht, quereinsteigende Personen zu qualifizieren – und damit den Fachkräftemangel zu verringern. Bevor ich gegründet habe, beschäftigte ich mich ein Jahr mit der Frage: Ist Deutschland reif für Quereinsteigende – oder hängt man hier noch allzu sehr an Zeugnissen und Zertifikaten? Durch Gespräche in meinem Netzwerk habe ich festgestellt: Auch Deutschland ist bereit für alternative Karrierewege. „neue fische“ für den Personalteich war dann speziell in Hamburg ein guter Name.

Wie werden die „neuen fische“ ausgebildet?

Wir haben ein dreistufiges Auswahlverfahren. Digitale Vorkenntnisse sind dabei nicht unbedingt nötig. Wer motiviert, analytisch, lern- und teamfähig ist, wird zur Ausbildung zugelassen. Im Bootcamp selbst lernen die Teilnehmenden drei Monate lang sehr praxisnah all die Dinge, die für ihre zukünftigen Jobs im Web-Development oder in der Datenanalyse relevant sind. Nach einer kurzen theoretischen Input-Session jeden Morgen arbeiten wir direkt an kleinen Projekten. Allein, zu zweit oder in Gruppen. Am Ende steht das digitale Gesellenstück, mit dem Teilnehmende zeigen, was sie praktisch umsetzen können.

 

Um in einer Welt zu bestehen, die sich durch ständige Veränderung kennzeichnet, muss man vor allem Lernfähigkeit und Motivation mitbringen.

 

Welche Rückmeldungen bekommen Sie aus den Unternehmen?

90 Prozent unserer Absolventinnen und Absolventen finden innerhalb von zwei Monaten nach Abschluss der Ausbildung einen Job. Die Rückmeldungen unserer Partnerunternehmen wie Eventim oder AboutYou sind sehr gut. Viele Unternehmen haben sich schon den zweiten oder gar dritten „Fisch“ geangelt. Das Modell hat sich also durchaus bewährt – unsere Absolventinnen und Absolventen sind ab Tag eins im Job produktiv. Das kommt an!

Alle sprechen von New Work. Doch welche Kompetenzen sind im Arbeitsleben heute überhaupt gefragt – und welche brauchen wir in Zukunft?

Um heute auf eine Stellenausschreibung zu passen, muss man fast das Gleiche schon mal gemacht haben. Das ist eine Krux. Wo sind die Wege in die digitalen Berufe, wenn man mit Anfang 30 den Weg ändern will? Die Skills der Zukunft werden meiner Meinung nach über IT hinausgehen: Um in einer Welt zu bestehen, die sich durch ständige Veränderung kennzeichnet, muss man vor allem Lernfähigkeit und Motivation mitbringen.

Sind denn Schulen und Universitäten für die Anforderungen der neuen Arbeitswelt gerüstet?

Natürlich könnten Schulen auf dem Gebiet der digitalen Bildung mehr leisten – insbesondere darin, Mädchen früh für technische Disziplinen zu begeistern. Bis solche Bemühungen allerdings auf dem Arbeitsmarkt sichtbar werden, wird es noch eine ganze Weile dauern. Gleiches gilt letzten Endes für Universitäten, die sehr lange Lehrplan-Erstellungszyklen haben. Als Bootcamp haben wir hingegen die Möglichkeit, flexibler auf neue Anforderungen zu reagieren. Wir sehen uns daher als Ergänzung zu den anderen Bildungsformen.

 


Zur Website von „neue fische“: www.neuefische.de/


Dieser Artikel erschien in der direkt informiert 01/2019. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: blog.direkt-gruppe.de/direkt-informiert/tatkraft/

 

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