Ab in die Sauna!

Digitaler Darwinismus

Welche Gefahren und Chancen gehen mit der zunehmenden Digitalisierung von Produkten und Services einher? In seinem Buch „Digitaler Darwinismus“ gibt Prof. Dr. Kreutzer Anstöße für kreative Lösungsprozesse im Unternehmen.


 

Was verstehen Sie unter digitalem Darwinismus und warum geht er uns alle an?

Der von mir geprägte Begriff des digitalen Darwinismus beschreibt den Auswahlprozess, der sich ganz automatisch einstellt, wenn – in diesem Falle – Unternehmen, aber auch ganze Industriezweige und auch ganze Nationen, sich den heute extrem schnell verändernden Rahmenbedingungen nicht rasch genug anpassen und deshalb vom Markt „aussortiert“ werden.

Die Digitalisierung als Auslöser von Veränderung?

Richtig. Der digitale Darwinismus setzt folglich immer dann ein, wenn sich Technologien und die Gesellschaft so schnell verändern, dass die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen nicht Schritt halten kann. Die damit beschriebene Herausforderung gilt auch für jeden einzelnen Menschen. Wer sich heute – als Werktätiger oder als Privatperson – mit den neuen Technologien nicht ausreichend auseinandersetzt, wird in Zukunft immer mehr Schwierigkeiten bekommen. Entweder bei der Jobsuche – oder weil das tägliche Leben eine zunehmende Digitalkompetenz voraussetzt. Das Risiko hier heißt „Digital Divide“ – eine Trennung in die, die digitale Herausforderungen meistern können, und diejenigen, denen das nicht gelingt.

 

Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer ist Professor für Marketing an der Berlin School of Economics and Law sowie Marketing­ und Management­ Consultant. (Foto: privat)

Sie schreiben, dass das IoT ein Treiber für digitalen Darwinismus ist. Inwiefern?

Das Internet of Things – oder wie ich es viel lieber nenne –  das Internet of Everything verbindet Produkte (vom Kühlschrank über das Auto bis zur Zahnbürste), Dienstleistungen,
Produktionsprozesse, Menschen, Tiere, ganze Städte und Nationen. Durch diese Verknüpfung können gigantische Einsparungspotenziale in den Beschaffungs- und Produktionsbereichen erzielt, aber auch ganz neue Kundenerlebnisse entwickelt werden. Dabei gilt auch hier: Wer profitieren möchte, muss mitmachen und dabei sein.

Laut aktuellen Studien gehört die digitale Transformation bereits für 50 Prozent der hiesigen Unternehmen zu den Top-3-Prioritäten.

Hier zeigt sich jedoch, dass gerade der deutsche Mittelstand auf diese Herausforderungen kaum vorbereitet ist. Viele unserer Hidden Champions waren auf ihren Inseln, in ihren Nischenmärkten weltweit erfolgreich. Aber auch Inseln und Nischenmärkte werden jetzt zunehmend vernetzt. Wer dabei den Anschluss verliert, kann deshalb ebenfalls vom Markt „aussortiert“ werden – während Start-ups, die auf Netzwerke und Plattformen setzen, die Gewinner sein werden.

Wer profitieren möchte, muss mitmachen und dabei sein.

Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer

Worin besteht der Unterschied zum analogen Darwinismus, was macht ihn „bedrohlicher“?

Die Veränderungen im „analogen Darwinismus“ kamen in analogen Schritten einher. Sie deuteten sich durch schwache Signale an und benötigten viele Monate oder sogar Jahre, um sich durchzusetzen. Die Herausforderungen des „digitalen Darwinismus“ kommen in digitalen, hier besser exponentiellen Schritten einher. Um ganze Branchen – vom Taxigewerbe (Uber), über die Hotellerie (Airbnb), den Einzelhandel (Amazon, Zalando) bis hin zum Dentallabor (3-D-Druck) herauszufordern, bedarf es keiner Garage und vieler Jahre mehr.

Ein Computer, eine App oder ein 3-D-Drucker reichen?

Was heute benötigt wird, sind ein Computer und ein Internet-Zugang – befeuert durch risikobereite Investoren, an denen es in Deutschland aber leider noch mangelt. Dann kann es losgehen – Unternehmen und neue Geschäftsmodelle vom Fließband. Und wenn etwas nicht klappt, wird etwas Neues probiert. Die Investitionen in ein IT-Netzwerk können auch für andere Online-Geschäftsmodelle genutzt werden. Die Qualifikationen bei Algorithmen, Gestaltung der Customer Experience, die Entwicklung von Apps ebenfalls. Schon startet die Disruption in einem neuen Bereich – die Zerstörung etablierter Geschäftsmodelle. Quelle, Neckermann, Weltbild, Kodak, Brockhaus und viele mehr lassen grüßen.

Die bewährteste Kreativmethode für mich ist dann die Sauna: In absoluter Ruhe kommt mein Hirn in Schwingung und produziert tolle Ideen.

Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer

Disruption, Veränderung und Wandel erfordern Mut, Kreativität und die Bereitschaft zu lernen. Welche konkreten Kreativitäts-, Lern- und Inno- vationsmethoden und -Tools wenden Sie persönlich an?

Für mich ist neben guten Fachbüchern und Fachbeiträgen der Wissenschafts-Community der Qualitätsjournalismus die wichtigste Informationsquelle. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bspw. ist für mich eine unerschöpfliche Inspirationsquelle – weil ich hier auch finde, wonach ich nie gesucht hätte – und so Impulse über meine Filter Bubble hinaus erhalte. Außerdem habe ich jede Menge Newsletter von renommierten Unternehmen (BCG, McKinsey, Gartner etc.) abonniert, die im Zuge ihres Content-Marketings mit aktuellen White Papers und Studien aufwarten. Die bewährteste Kreativmethode für mich ist dann die Sauna: In absoluter Ruhe kommt mein Hirn in Schwingung und produziert tolle Ideen, Konzepte – und spannende Aufgaben für meine Studenten! In Unternehmensprojekten setze ich ein ganzes Bündel von Methoden ein – von der klassischen Metaplan-Technik (funktioniert immer noch bestens), über Brainstorming, Mindmaps bis hin zu Design Thinking und verschiedenen Canvas-Methoden. Je nachdem, was am besten passt. Das entscheide ich meistens aus der Situation heraus.

Welche Methoden empfehlen Sie Unternehmen, was hat sich bewährt?

Jede Methode hat ihre Vorteile. Wichtig ist am Anfang einer Zusammenarbeit mit den Unternehmen, dass zunächst eine saubere Bestandsaufnahme erfolgt und Pain Points sowie die strategische Ausrichtung und die Ziele sauber verstanden werden. Dann kommt immer alles in einen guten Fluss!

Was ist an Changemanagement für die digitale Transformation anders als am herkömmlichen Management von Veränderungen?

Die digitale Transformation durchdringt – im Gegensatz zu vielen bisherigen Veränderungen – das Unternehmen komplett. Es geht ja darum, interne und externe Schnittstellen, Prozesse, Abläufe durch die Digitalisierung zu verbessern. Besonders wichtig ist allerdings auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die durch die Digitalisierung erst möglich werden. Dabei gilt: The Sky is the Limit! (Fast) alles ist möglich!

Vielen Dank für das Gespräch.

 


Zur Person: Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer ist Professor für Marketing an der Berlin School of Economics and Law sowie Marketing­ und Management­Consultant. Er setzt Impulse zu MarketingThemen wie Database­ und Online­Marketing, Social­Media­Marketing, digitale Transformation und Changemanagement. Gemeinsam mit Karl­Heinz Land veröffentlichte er das Buch „Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke“.


Dieses Interview erschien in der direkt informiert 02/2017. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 02/2017, Schwerpunkt: Lernen