Die drei Gründer der direkt gruppe Gerald Jenner, Nils Schultz und Kai Petersen (von links nach rechts). Foto: René Schwerdtel / direkt gruppe

20 Jahre direkt gruppe: Kick ohne Fieberwahn

A … wie Aufbruch

20 Jahre und kein bisschen leise.
Wie man die richtigen Partner findet, Krisen übersteht und Veränderungen managt, erzählen die drei Gründer der direkt gruppe Gerald Jenner, Kai Petersen und Nils Schultz.

Frei nach Hermann Hesse: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Gab es einen speziellen Moment, einen Anlass, der Sie motiviert hat, die direkt gruppe zu gründen?
Petersen— Ein entscheidender Impuls für mich war die damalige Situation in der IT. Was die Branche, angeheizt durch den Neuen Markt, ihren Kunden angeboten hat, war teilweise eine Frechheit. Das konnten und wollten wir besser machen. Wieder mehr Spaß an der Arbeit haben, war eine weitere Komponente.
Schultz— Die grundlegende Idee, etwas Eigenes aufzubauen, hatte ich während des Studiums. Ich habe mit Gerald zusammen Wirtschaftsinformatik studiert. Mir war zunächst ein Einstieg in einem Unternehmen wichtig; ich wollte die Branche, Kunden und Prozesse in Firmen kennen. Und natürlich: eine finanzielle Basis schaffen und nicht mit einem leeren Auftragszettel anfangen.
Jenner— Mein Impuls ist quasi genetisch bedingt: Ich bin nicht dafür geschaffen, Angestellter zu sein. Das ist mir im Studium klar geworden. Schon damals war ich selbstständig tätig und Gesellschafter in mehreren Firmen.

Also kein Zauber oder Kick?
Petersen— Unsere Gründung war eher ein Prozess. Menschen machen Geschäfte zusammen, lautet mein Ansatz. Wir kannten uns aus Projekten, die wir für unsere damaligen Arbeitgeber gemanagt hatten, und haben dann die Idee entwickelt, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.
Jenner— Der entscheidende Kick für mich waren letztlich zwei Punkte: die richtigen Leute zu kennen, mit denen man das eigene Unternehmen starten konnte, und vom ersten Tag an eine klare Vorstellung von den zukünftigen Aufträgen zu haben.

Herr Jenner und Herr Schultz, Sie kannten sich bereits, wie kam Herr Petersen ins Boot?
Schultz— Kai lernten wir im Rahmen eines Projektes kennen. Er hatte mit seinem Team die Netzwerkmigration umgesetzt und wir die E-Mail-Infrastruktur. Leider hat das Gesamtsystem nicht so funktioniert wie geplant. Auf einem gemeinsamen Krisenmeeting saßen wir uns gegenüber und haben uns gegenseitig erklärt, warum wir jeweils nicht schuld an der Situation waren.
Am darauffolgenden Sonntag war dann bei meinen Eltern ein Familienfest, und meine Cousine kam mit ihrem neuen Freund: Das war Kai.
Petersen— Seitdem duzen wir uns. (lacht)

Sie sagen, es müssen die richtigen Leute sein, mit denen man gemeinsam eine Firma gründet. Was war an Ihrem Gründungsteam richtig?
Petersen— Für mich sind das Menschen, die Spaß daran haben, Unternehmen durch neue Technologien nach vorne zu bringen, die Ahnung von der Materie haben und bei denen der Kunde immer im Mittelpunkt steht.
Dieser ganze Hype im Neuen Markt hat viele genervt – auch auf Kundenseite. Die wollten einfach nur kompetente Persönlichkeiten für ihre Projekte haben.
Schultz— Richtige Leute heißt für mich, den potenziellen Partnern zu vertrauen. Gerald und ich kannten uns schon acht Jahre aus Studium und den erwähnten Projekten, da hatte ich ein gutes Gefühl, dass das auch mit der eigenen Firma klappt. Kai kannten wir rund drei Jahre, als wir gründeten, da war auch eine Basis da.

„Mein Impuls ist quasi genetisch bedingt: Ich bin nicht dafür geschaffen, Angestellter zu sein.“

Gerald Jenner, Co-Founder, direkt gruppe GmbH

Jenner— Vertrauen ist das Fundament, und wir hatten die richtigen Fähigkeiten an einem Tisch vereint, um erfolgreich zu starten. Zum richtigen Mix gehörte damals noch ein vierter Partner, der die Backoffice-Struktur gemanagt hat, von Buchhaltung und Office-Management bis zu den Jahresabschlüssen. Ohne seine Erfahrung hätte es uns viel Zeit und Nerven gekostet, diese Strukturen aufzubauen. Schließlich wollten wir drei uns auf das konzentrieren, was wir gut können: große Projekte umsetzen.

Welche Fähigkeiten schreiben Sie sich persönlich zu?
Jenner— Ich treibe die Firma nach vorne, bringe viele Ideen ein und bin auch derjenige, der das Chaos verursacht.
Schultz— Ich bin eher der, der danach kommt, der die Dinge zu Ende denkt und dafür sorgt, dass sie umgesetzt werden.
Petersen— Ich begeistere die Menschen für die Themen, die wir machen.

Steckbrief: Gerald Jenner, *1968

— Ausbildung? Dipl.-Wirtschaftsinformatiker (FH)
— Erster Job? Mit 13 Jahren zwei Touren Hamburger Abendblatt austragen.
— Faible in der IT? Begeisterung schaffen für Kommunikationssysteme und Themen wie SharePoint, Cloud Management, AI und KI.
— Welche Person hat Sie nachhaltig beeindruckt? Bill Gates. Seine Visionen haben sich umgesetzt, und er hat verstanden, dass wir der Welt etwas zurückgeben müssen und dass Geld einen Grenznutzen hat, außer man setzt es dafür ein, die Menschheit weiterzuentwickeln.
— Wen würden Sie gern zu einem Abendessen treffen und besser kennenlernen? Michael Otto.

1997, also ein Jahr vor Ihrer Gründung, entstand hierzulande der Neue Markt als Pendant zur NASDAQ. Ein Börsengang jagte damals den anderen. War das Fieber nicht ansteckend?
Schultz— In dem ganzen Hype um den Neuen Markt, E-Commerce etc. wurden Leute angeheuert, die gerade mal PC richtig schreiben konnten. Das ist, was Kai mit Frechheit meint. Damals arbeiteten Leute ohne oder mit sehr wenig Erfahrung in Projekten. Der Kunde musste die Zeche dafür zahlen.

„Ich bin eher der, der die Dinge zu Ende denkt und dafür sorgt, dass sie umgesetzt werden.“

Nils Schultz, Co-Founder, direkt gruppe GmbH

Ich persönlich hatte kein Interesse daran, mir meinen Ruf zu ruinieren. Das Verhältnis von den Personen, die Erfahrung hatten, und denen, die „aufgefüllt“ wurden, war in vielen Firmen nicht gesund.
Jenner— Das genau wollten wir nicht machen und haben uns davon distanziert. Wir haben unseren Kunden die Sicherheit gegeben, dass wir uns am Börsenfieber nicht angesteckt haben, sondern Technologieprojekte professionell umsetzen und Kunden kompetent begleiten.

Wie war Ihr Plan, das Unternehmen zu entwickeln?
Jenner— Die Entwicklung der Firma ist nicht am Reißbrett entstanden. Auch einen Businessplan brauchten wir nicht, weil wir uns aus eigenen Mitteln finanziert haben. Wir sind mit konkreten Projekten gestartet, die wir im Vorwege akquiriert hatten. Vieles war und ist dann eine logische Konsequenz oder Weiterentwicklung.
Petersen— Mein Plan oder eher meine Intention war es, für Kunden einen Mehrwert zu schaffen. Das gilt bis heute. Dadurch haben sich unsere Art der Arbeit, unser Portfolio weiterentwickelt, neue Elemente sind hinzugenommen.
Jenner— Richtig, Kundenversteher war immer schon Teil unserer DNA.

Im März 2000 platzte die Dotcom-Blase. Hat Sie das getroffen?
Petersen— Projektbudgets wurden zwar reduziert, aber das hat uns nicht getroffen, viele Marktbegleiter hingegen schon. Dadurch hatten wir mehr Möglichkeiten, Leute einzustellen.
Schultz— Spürbar waren eher die Nachwirkungen der Anschläge vom 11. September 2001. Die Versicherungsbranche, in der wir sehr aktiv waren und auch heute noch sind, setzte damals den Rotstift an: Projekte wurden auf Eis gelegt oder gestrichen. Die Budgets sanken drastisch, Reisekosten wurden gestrichen. Aber richtig eng war das nicht, auch nicht nach der Finanzkrise 2008.
Jenner— Wir hatten das Glück, nie Leute entlassen zu müssen. Aber wenn in Krisenzeiten viele Berater nicht in Projekten, sondern auf der Kostenstelle Ausbildung sind, schauen wir schon genau hin. Da wir aus dem Cashflow wachsen, ist die Liquidität wichtig.

Die Gründerszene erlebt im Sog von IoT, Industrie 4.0 und Cloud-Services hierzulande einen Aufschwung. Worauf sollten Gründer achten?
Jenner— Sie sollten sich mit einem starken Partner zusammentun und akzeptieren, ihm etwas abzugeben. Nicht nur Geld, sondern auch konkrete Aufgaben. Mein Credo: Suche dir einen Partner, der dich weiterentwickelt und coachen kann. Ein Kompagnon, der nur Geld gibt, bringt dich nicht weiter. Er lässt die Verantwortung bei dir. Innerhalb recht kurzer Zeit muss man das Geld zurückzahlen, und der Investor macht noch mehr Druck – das hilft niemandem.
Schultz— Heute holen wir selber neue Unternehmen oder Leute ins Unternehmen, die gründen möchten oder eine Geschäftsidee haben. Wir bieten ihnen unsere funktionierenden Strukturen und ein Backoffice an.
Petersen— Wir fungieren quasi als Coaches oder Business Angels für Leute von außen oder Kontakte aus dem Netzwerk, die sich ein Spin-off vorstellen können. Wir achten jedoch sehr darauf, dass die Ideen und Lösungen dieser Firmen unser Portfolio erweitern.

Welche größten Fehler haben Sie im Business gemacht?
Petersen— Ein Beispiel ist die Gründung einer Niederlassung im Frankfurter Raum. Unser Ziel war es, näher an den Kunden vor Ort zu sein. Der Plan ist aufgrund unterschiedlicher Faktoren nicht aufgegangen. Letztlich haben die Personen, die wir dafür vorgesehen hatten, nicht in unsere Struktur gepasst.

Wie treffen Sie Entscheidungen, etwa das Unternehmen weiterzuentwickeln?
Schultz— Bis auf eine einzige Entscheidung immer einstimmig, wenn ich mich richtig erinnere. Am Anfang waren es wir drei – mittlerweile werden Themen immer im größeren Kreis der Geschäftsführer und Prokuristen diskutiert und verabschiedet. Gerade strategische Entscheidungen treffen wir im erweiterten Kreis. Der Hintergrund ist einfach: Die Ideen müssen auch operativ umgesetzt werden, und wenn jemand etwas nicht mitträgt oder nicht vertreten kann, ist es schwer, das erfolgreich voranzubringen.

„Meine Intention war es, für Kunden einen Mehrwert zu schaffen. Das gilt bis heute.“

Kai Petersen, Co-Founder, direkt gruppe GmbH

20 Jahre direkt gruppe: Was hat sich in der Zusammenarbeit mit Ihren Kunden verändert.
Jenner— Vieles. Früher hatten wir ein Projekt bei einem Kunden, der schätzte uns, und dann hat er uns gleich für das nächste Projekt engagiert. Das war ein Personengeschäft. Das wird weniger.

„Menschen machen Geschäfte“, haben Sie eingangs gesagt, gilt das also nicht mehr?
Jenner— Der Wandel geht dahin, dass Kunden uns für ein Ergebnis einkaufen, also zum Beispiel „unterstütze uns bei der Umsetzung unserer Digitalstrategie“. Es geht immer weniger um den Berater als Person, sondern um eine Lösung und um Kompetenz, die dann meist auch im Team geliefert wird, wobei es nicht mehr ganz so wichtig ist, wo das Team diese Arbeit erledigt.
Petersen— Unsere Ansprechpartner im Unternehmen haben gewechselt. War früher ausschließlich die IT unser primärer Kontakt, sind es heute mehr und mehr auch die Fachbereiche. Diskutierten wir früher über mögliche Technologien, sprechen wir heute über Business Services und fachliche Anwendungen.

Heute wird in Projekten agil gearbeitet, Kunden sind auf Augenhöhe, was bedeutet das für Sie als Berater?
Petersen— Die Gespräche sind intensiver. Wir entwickeln viel stärker gemeinsam, und wir als Berater haben dabei eher die Rolle eines Impulsgebers und Sparringspartners.
Jenner— Viele Themen haben heute eine größere Tragweite und Auswirkungen, die wir nicht einmal abschätzen können. Nehmen Sie beispielsweise die Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Mobilität, DevOps etc. Die Möglichkeiten, die sich daraus er-geben, sind zum Teil so neu, dass wir als Berater manchmal nur einen halben Meter voraus sind und unseren Kunden viel häufiger unsere Intelligenz und Erfahrung aus Projekten mit ähnlichem Kontext zur Verfügung stellen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Schultz— Agilität hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Umsetzung von Projekten und die Feedbackkultur. Heute taktet man im Zweiwochenrhythmus und verwirft auch mal die Arbeit eines solchen Sprints, wenn das Ergebnis nicht den Erwartungen entspricht. Früher wurde nicht selten monatelang entwickelt und dann festgestellt, dass man in die falsche Richtung gerannt ist. Agile Projektteams korrigieren eine Fehlentwicklung viel schneller.

Steckbrief: Kai Petersen, *1965
— Ausbildung? Studium der Nachrichtentechnik, Ingenieur FH
— Erster Job? Systemberater
— Faible in der IT? Konvergente Sprach- und Datennetze
— Welche Person hat Sie nachhaltig beeindruckt? Der damalige IT-Vorstand des LVM, der bereits 1998 innovative Veränderungen des Servicegeschäftes in der Versicherung umgesetzt hat. Sein Ziel: Always on.
— Wen würden Sie gern zu einem Abendessen treffen und besser kennenlernen? Ich freue mich immer, Menschen kennenzulernen und einen interessanten Gesprächspartner zu haben, auf fachlicher und persönlicher Ebene.

Bei der direkt gruppe steht im Jahr 20 des Bestehens eine Veränderung an. Drei der sechs Tochterunternehmen werden zu einer AG. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Schultz— Die Änderung der Gesellschaftsform ist nur die äußere Form. Inhaltlich sortieren wir unser Portfolio neu und richten uns noch stärker an den Bedürfnissen unserer Kunden aus.

Was bedeutet das konkret für Ihre Kunden?
Jenner— Heute kauft der Kunde wie erwähnt ein Ergebnis, dazu brauchen wir nicht selten Skills aus verschiedenen Gesellschaften, etwa Anwendungsexperten, Technologieberater, Cloud-Service-Entwickler, Pro jektleiter, Changemanager etc. Wir formieren die drei Unternehmen neu und können insofern besser Teams zusammenstellen, die genau diese Anforderungen erfüllen. Zudem investieren wir stärker in die Entwicklung von Produkten. So ist etwa unsere Cloud-Management-Plattform reif, und wir steigen in den Multikanalvertrieb ein. Weitere Produktideen entstehen momentan im Bereich Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung.
Petersen— Die neue Organisation und die Entwicklung eigener Produkte sind auch für unsere jetzigen und künftigen Mitarbeiter attraktiv. Wir sind mit weiteren Niederlassungen regionaler aufgestellt und kommen so teilweise den Wünschen der Mitarbeiter entgegen, die weniger reisen wollen. Wir arbeiten an flexibleren Arbeitszeitmodellen. Das sind essenzielle Komponenten, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein.

Wo sehen Sie sich in den kommenden Jahren?
Jenner— Offen sind wir immer für neue Ideen, etwa weitere Spin-offs zu gründen bzw. zu entwickeln. Fachlich spannende Herausforderungen sehen wir in künstlicher Intelligenz. Hier prüfen wir, inwiefern das für unsere Kunden interessant ist und welche Kompetenzen wir aufbauen.

Steckbrief: Nils Schultz, *1968
Ausbildung? 
Dipl.-Wirtschaftsinformatiker (FH)
— Erster Job? Werkstudent im Bereich C/S-Technologien
— Job während des Studiums? Konfiguration von Individual-PCs für eine IT/PC/Netzwerk-Bude
— Faible in der IT? IT-Infrastruktur und Leitung von Migrationsprojekten
— Welche Person hat Sie nachhaltig beeindruckt? Bill Gates. Er hat es geschafft, von seiner Vision inspiriert, aus der Garage einen Weltmarktführer aufzubauen.
— Wen würden Sie gern zu einem Abendessen treffen und besser kennenlernen? Angela Merkel. Mich interessieren die Dinge, die uns Staats- und Regierungschefs verschweigen.


Dieser Artikel erschien in der direkt informiert 01/2018. Weitere Artikel aus der Ausgabe lesen Sie hier: direkt informiert 01/2018, Schwerpunkt: Aufbruch

Foto: René Schwerdtel / direkt gruppe

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.